Ein Ort für kluge Köpfe

Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Schloss Herrenhausen in Hannover wird als vielfältig nutzbares Tagungszentrum wieder aufgebaut.

Rote Kräne ragen in den Himmel über Herrenhausen. Unten drehen sich Betonmischer, rattern schwere Maschinen. Es herrscht Hochbetrieb auf Hannovers derzeit wohl prominentester Baustelle. Hier, am Rand des Großen Gartens, wird das Schloss wiederaufgebaut. Die ehemalige Sommerresidenz der Welfen versank bei einem britischen Bombenangriff im Oktober 1943 in Schutt und Asche; nur ein Podest der prächtigen Freitreppe überdauerte als – zunehmend bröselndes – Fragment. Jahrzehntelang litt das Ensemble von Galeriegebäude und Orangerie unter dem Verlust seines Herzstücks. Immer wieder stritten Politiker und Bevölkerung, ob das Schloss wiederaufzubauen sei und wie man es nutzen könne. Am Ende jeder Debatte blieb die Rasenfläche am sogenannten Ehrenhof so, wie der Krieg sie hinterlassen hatte: trist und leer.
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Die Baustelle in Herrenhausen im Herbst 2011
Umso größer war das öffentliche Aufsehen, als die VolkswagenStiftung im November 2007 ihre Absicht äußerte, den Wiederaufbau des Schlosses im Rahmen ihrer Vermögensanlage zu realisieren – mit der IVA KG, einer Immobilientochter der Stiftung, als Bauherrin und Eigentümerin. Vermietet werden soll das Schloss an einen gewerblichen Betreiber, der es dann auf eigenes wirtschaftliches Risiko führt und als Veranstaltungsort vermarktet. Mit diesem Konzept war die Stadt Hannover rasch zu überzeugen. Gemeinsam fasste man den Beschluss, die Schlossfassade so zu rekonstruieren, wie sie der Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves 1819/20 entworfen hatte: im schlichten Stil des Klassizismus. Im Gebäude selbst aber ist eine völlig neuartige Nutzung im zeitgemäßen Ambiente vorgesehen: einerseits, im zweigeschossigen Mittelbau, ein modernes Tagungs- und Veranstaltungszentrum – sowie zum anderen repräsentative Museumsflächen in den Seitenflügeln und im unterirdischen Gang dazwischen. Diese werden von der Stadt angemietet und vom Historischen Museum Hannover „bespielt“. 2014 wird hier auch ein zentraler Teil der großen Landesausstellung zu sehen sein über die Personalunion von britischem und hannoverschem Königshaus (1714-1837).

Nach dem Vertragsschluss über den Wiederaufbau des Schlosses nahm zunächst der Bauhistoriker Bernd Adam seine Arbeit auf. Neun Monate lang sichtete er Hunderte Fotos, Pläne und Unterlagen, auch in ausländischen Archiven, um Grundlagen für die Rekonstruktion zu schaffen. Denn ein einheitlicher Bauplan des Schlosses war nicht überliefert. Zwar lagern im Stadtarchiv Hannover annähernd dreißig Originalzeichnungen, die Laves zugeschrieben werden, doch die meisten sind bloß flüchtig hingeworfene Skizzen oder Entwürfe von Ornamenten. Kurzum: Es gab keine verlässliche Planungsunterlage und schon gar keine umfassenden Baupläne, wie man sie heute kennt oder für einen Wiederaufbau benötigen würde. Dass die maßstabsgetreue Rekonstruktion möglich wurde, ist allein der Detektivarbeit von Bernd Adam und seinem zeitweise bis zu fünfköpfigen Team zu verdanken.

Im März 2010 ging das junge Hamburger Büro „JK – Jastrzembski-Kotulla Architekten“ siegreich aus dem Wettbewerb hervor, den die IVA KG zum Wiederaufbau ausgeschrieben hatte. Das Herzstück des preisgekrönten Architekturentwurfs: ein halbkreisförmiges unterirdisches Auditorium mit 272 komfortablen Plätzen, einem Amphitheater gleichend. Zwei fünf Meter tiefe Lichthöfe werden für natürliche Erhellung im Untergeschoss sorgen und Blicke aufwärts zur Schlossfassade ermöglichen. Ein weiteres herausragendes Merkmal des Konzepts: der 500 Quadratmeter große Festsaal im Obergeschoss, inklusive Bühne. Dank ausgefeilter Akustik dürfen sich Klassikfreunde – aber nicht nur sie – auf großartigen Musikgenuss freuen. Und Veranstalter auf einen repräsentativen Rahmen, der in Hannover seinesgleichen nicht hat.
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Die Schlossbaustelle, im Hintergrund der Große Garten Herrenhausen
Seit dem ersten Spatenstich im September 2010 schwingen nun Bauarbeiter das Zepter auf dem einst hochherrschaftlichen Grund. Sofern der weitere Verlauf des Winters keinen Strich durch die Terminplanung macht, soll der Bau Ende 2012 vollendet sein. Von den Hannoveranern wird er schon jetzt mit großer Spannung erwartet. Denn von Herrenhausen, so hoffen auch die Verantwortlichen in Stadt und Land, soll ein nachhaltiger Impuls ausgehen, der Hannover als Wissenschaftsstandort von internationalem Rang profiliert. Dem Engagement der VolkswagenStiftung wird in dieser Strategie große Bedeutung beigemessen. Symposien, Konferenzen und Tagungen, an denen die Stiftung beteiligt ist, werden künftig möglichst in Herrenhausen stattfinden und nicht mehr verstreut an zahllosen Orten – dies soll das Schloss an etwa hundert Tagen im Jahr füllen. Sowohl hochkarätige Forschergäste aus aller Welt als auch die Bevölkerung werden das Schloss, darauf zielt schon jetzt ein breit angelegtes Veranstaltungskonzept, als vielfältig nutzbaren Veranstaltungsort kennenlernen. Bereits seit 2010 erprobt die Stiftung im Restaurant Schlossküche, einen Steinwurf von der Baustelle entfernt, verschiedene öffentlichkeitswirksame Formate – teils mit Kooperationspartnern wie etwa NDR Kultur oder dem renommierten Magazin Spektrum der Wissenschaft. Die Resonanz ist groß: Bislang war jede Veranstaltung ausgebucht. Der Bekanntheitsgrad der Stiftung an ihrem Standort Hannover hat in kurzer Zeit einen großen Aufschwung erlebt. So löst das Schloss schon vor seiner Fertigstellung einige Hoffnungen für die Zukunft ein.

Auch Unternehmen, Verbände und Institutionen sehen das Event-Potenzial, das sich aus der Kombination von anspruchsvollem Tagungszentrum, Museum und europaweit bekanntem Barockgarten ergibt. Fast ungeduldig erwartet man die Eröffnung des Tagungszentrums durch den Betreiber, um sich mit eigenen Veranstaltungen anzumelden. Zur Einweihungsfeier des Schlosses ist sogar der Bundespräsident angekündigt. Vorerst aber ragen noch die Kräne in den Himmel über Herrenhausen, rumpeln die Betonmischer, rattern schwere Maschinen. An sechs Tagen pro Woche versuchen die Bauarbeiter, mit dem eng getakteten Terminplan Schritt zu halten. Im Winter ist Richtfest, dann ist wieder eine entscheidende Etappe geschafft. Erneut richten sich viele neugierige Blicke auf Herrenhausen – aus Hannover und weit darüber hinaus.